Bin ich Opfer? Bin ich Täter?

Bin ich Opfer? Bin ich Täter?

Wieder ein kleiner Beitrag wie ihn nur das Leben spielt. Durch einen Unternehmenszusammenschluss (Fusion) erlebe ich gerade interessante emotionale Momente.

Die Situation:

Das große Unternehmen übernimmt ein kleineres. Dabei wird jedoch die gesamte Führungsmannschaft des Bereiches vom kleinen Unternehmen kommen. Damit verändert sich für mich mein kompletter Raport-Weg.
Das erste Meeting mit der neuen Führungskraft und dem Team verlief nicht ideal.

Die Sicht als Opfers:

Ich war noch im Meeting und noch mehr danach beleidigt. Die neue Führungskraft nahm mich anscheinend nicht war. Sie schwärmte nur von Ihren Kollegen und von dem einen Thema welches sie kannte und mitbrachte. Besonders negativ empfand ich, dass mit keiner Silbe wurde darüber gesprochen wurde, dass wir in der alten Konstellation alles Spezialisten auf unserem jeweiligen Gebiet sind und dieses Know-How im kleineren Unternehmen entweder gar nicht oder nur rudimentär zu finden war.

Das erste Meeting begann ganz erfolgversprechend mit ein wenig nettem Austausch und endete in einem mehr oder minder langen Monolog der neuen Führungskraft. Die natürlich immer mehr von ihren bisher „tollen“ Dingen erzählte und wir immer weniger von den unsrigen.

Das hinterließ bei mir für einige Tage einige Dissonanzen.

Mit ein wenig Abstand wurde mir jedoch bald klar, dass ich mich selbst in eine Opferrolle manövriert hatte.

Die Opferrolle ist psychologisch sehr bequem: Die anderen sind Schuld und ich muss nichts ändern!

In der Rolle des Opfers wartet man darauf, dass eine unangenehme Situation von selbst vorbeigeht – die Opferrolle macht passiv.

Um aus diesem Teufelskreis zu entfliehen, ist am Anfang immer die Erkenntnis.

Als zweiten Schritt habe ich dann das Gespräch mit meiner Frau gesucht, da Sie nicht Teil der etwas verkorksten Lage war. Die Gespräche mit meinen Kollegen, die im gleichen Meeting waren und im selben Boot saßen, waren da weitaus weniger hilfreich. Auch die Kollegen waren nicht völlig frei, da sie die Situation ggf. ähnlich wahrnahmen.

Das Gespräch mit meiner Frau, brachte schon bei der Beschreibung der Situation einen Aha-Effekt, da meine Frau relativ oft fragte: „Wo ist das Problem?“.

Ganz technisch bestand das erste Meeting einfach nur in einem Austausch an Worten. Somit kein Problem! Der Sender sendet physikalisch Schallwellen und der Empfänger nimmt diese als Schallwellen war.

Das Problem ist mehr was im Kopf daraus entsteht. Ich habe diese neutrale Schallwelle bewertet und zwar genau so bewertet, wie meine Erwartung an das Meeting im Vorfeld waren.

Da meine Frau diese Erwartungen nur zum Teil kannte hatte sie einen neutraleren Blick auf den speziellen Vorfall.

In dem Gespräch konnten wir einige Konsequenzen erarbeiten. Damit kam ich langsam wieder in eine aktive Rolle. Das sollt das Ziel der Erkenntnis über die eigene Opferrolle sein. Durch das Erkennen der eigenen Position ist man in der Lage eine andere Position – z.B. des Gegenüber – einzunehmen. Für den ersten Schritt reicht es, wenn man das Meeting noch einmal Revue passieren lässt und sich selbst dabei beobachtet. Die Vogelperspektive ermöglicht den neutralen Blick.

Aus der Opferrolle zur Selbstbestimmung.

Durch diese Methode gewinnt man an Selbstbestimmung zurück und kann sich neue Wege erarbeiten. So lange man in seinem Denkprozess immer am „Warum ich?“ hängt, bleibt man stehen oder dreht sich im Kreis.

Durch den Aktionsplan im Kopf fühlte ich mich gleich freier. Die Situation wurde zum Coach: Change ist Challenge! (Die Situation als Coach ist Herrn Jens Corssen entliehen)

Plötzlich sah ich die Veränderung als Wettbewerb indem es galt zu bestehen. Ich übernahm wieder die Verantwortung für mein Handeln.

Dabei wurde mir noch etwas anderes bewusst: Bin ich Täter?

Mich beschlich der Verdacht, dass wenn ich nicht das Opfer bin und auch verantwortlich für mein Handeln bin, dann bin ich auch Täter!

Durch meine Vorurteile und Erwartungen, habe ich natürlich jedes gesprochene Wort immer sofort im Kontext der Bestätigung meiner Erwartung wahrgenommen. Alle anderen Signale wurden gleichzeitig rigoros ignoriert oder unterdrückt. Dadurch wurde meine Laune (und die meiner Kollegen, den es ggf. ähnlich erging) immer schlechter.

Das machte die Lage für unsere neue Führungskraft bestimmt auch nicht leichter. Diese war ebenfalls vom gleichen Verhaltensmuster gefangen und konnte nicht entsprechend gegensteuern.

Letztlich hatte ich nach dem Meeting meine vorgefasste Meinung und meine Vorurteile bestärkt – meine Opfer-Position war gefestigt.

Damit reifte ebenso die Erkenntnis, dass ich natürlich am Scheitern des Meetings meinen Anteil hatte.

Ich habe es darauf ankommen lassen – ich wollte Bestätigung – das war das Motiv.

Im Nachhinein ärgere ich mich über mein Verhalten. Aus dem Gefühl der Beleidigung ist ein gewisse Scham geworden. Mit meiner gesamten Erfahrung aus meinen Handelsaktivitäten hätte ich es viel besser machen können.

Ich kenne die Situation
–  in anderem Kontext – aber mit den gleichen Abläufen:

Eine Handelsposition, die ich intensiv recherchiert hatte und sogar vielleicht kurzfristig im Gewinn lag ist plötzlich in der Verlustzone.

Dann kann ich natürlich auch hier die Opferrolle einnehmen und darauf hoffen, dass der Markt mir später noch recht gibt – ich bin ja nicht der Spekulant, sondern ein Long-Term Investor.

Oder ich kann die Schuld bei den anderen Marktteilnehmern suchen und das Management des Unternehmens (bei einer Aktien-Long Position) dafür verantwortlich machen. Der Versuch mit noch mehr Research führt nur zur Suche nach Bestätigung.

Das hilft letztlich alles herzlich wenig. Die Handels-Position verliert an Wert und der Verlust zieht mich immer weiter herunter.

Deshalb ist es auch hier wichtig die Opferrolle schnell zu verlassen. Die investierte Zeit und der Aufwand für das Research sind alles versunkene Kosten, die keinen Einfluss auf die Profitabilität der getätigten Anlage haben.

Wichtig ist nur die Erkenntnis: Ich habe einen Trade eröffnet und dieser verursacht Verluste!

Mit der Erkenntnis komme ich in Action.

  1. Die Verantwortung für den Verlust liegt allein bei mir.
  2. Die Verantwortung für einen möglichen noch größeren Verlust liegt ebenso bei mir.
  3. Auch wenn ich unter großen Schmerzen den Verlust realisiere, wird mich dies befreien. Ich bin wieder in einer neutralen Lage und kann von dort die weiteren Schritte planen. Dazu gehört dann die Suche nach „Ablehnung“ der Investmentthese.

Durch mein Handelssystem laufen diese Schritte fast automatisch ab. Die Position gerät in den Verlust (auch vom letzten Hoch, dann nur ein kleinerer Gewinn), das System gibt das Signal zum Glattstellen – die Ablehnung. Die nächste Aktion ist ganz automatisch den Trade am Markt zu platzieren und den Verlust zu realisieren.

Mit den Jahren habe ich gelernt, dass es manchmal vorkommt, dass der Trade tatsächlich wieder in die vorher eingeschlagene Richtung dreht. Meist jedoch waren die Closings genau richtig, da Trends gebrochen wurden. Außerdem hatte ich die Gewissheit, dass wenn der Trade tatsächlich den alten Trend nochmal aufnehmen sollte, mein System in den nächsten Wochen diesen ebenfalls findet.

Damit ist sicher einmal mehr gezeigt, wie wichtig es ist einen Plan zu haben den Trade zu schließen. Oft habe ich den verschiedenen Publikationen oder Blogs gelesen, dass viele dem Entry deutlich zu viel Gewicht verleihen.

Meine Erfahrungen zeigen, dass einen Trade zu schließen psychologisch die weitaus größere Herausforderung ist. Damit verbunden ist das Eingeständnis, dass man etwas falsch gemacht hat und dies auch selbst zu verantworten hat.

Das fällt niemanden leicht!

 

MAQS – Global Trend Following

Signale des wöchentlichen Systems:

  • keine

 

Eure Kommentare sind herzlich willkommen.

 

 

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